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Donnerstag, Dezember 22, 2005

Beschwerde über Polylux

Jutta Ditfurth von der Stadtratsfraktion ÖkoLinX-ARL (Frankfurt) hat folgende interessante Beschwerde an den Rundfunkrat des Rundfunks Berlin-Brandenburg formuliert:

An den
Rundfunkrat des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB)
Masurenallee 8-14
14046 Berlin


BESCHWERDE AN DEN RBB-RUNDFUNKRAT

"Die Juden sind selbst Schuld an ihrer Vernichtung"
"Polylux" (ARD/RBB) wirbt für den verurteilten Antisemiten Trutz Hardo

Guten Tag,
ARD bzw. RBB haben im Magazin »Polylux« am 8.12.2005 für den verurteilten Antisemiten Trutz Hardo alias Tom Hockemeyer geworben. Die Sendung wurde am Freitag 9.12., 23.45 Uhr (RBB) und am Samstag, 10.12. 11.45 Uhr, (3sat) wiederholt. Es wurde verschwiegen, dass Trutz Hardo ein verurteilter Antisemit ist. Der esoterische Antisemit Hardo durfte sich als erfolgreicher »Rückführungsexperte« präsentieren. Auch nachdem die Kritik der Redaktion mitgeteilt wurde, wurden die Wiederholungen nicht abgesetzt, der Beitrag nicht herausgenommen oder verändert.

Es entzieht sich meiner Kenntnis,
  • ob Autorin (Haike Stuckmann), Redaktion (Polylux) und Produktionsfirma (Kobalt) schlampig recherchiert haben,
  • ob Polylux unter verantwortungsloser Ausblendung des Hardoschen Antisemitismus einen werbenden Beitrag über eine esoterische Psychomanipulation verfassen wollten,
  • ob die ganze Sache also ganz oder teilweise Absicht und Überzeugung oder Dummheit war.

Tatsache ist: die ARD-Sendung hat einem aggressiven Antisemiten ein großes Forum gegeben. Wie konnte dieser Beitrag abgenommen werden?

Polylux kündigte den Beitrag auf der website lax an: "Endlich kann man ohne viel Aufwand in Kontakt mit seinem früheren Leben treten. Für etwa ein Drittel der Menschheit ist es eine ganz klare Sache, dass sie nach ihrem Tod wiedergeboren werden. Leider vergisst man meistens total, wer man vorher war. Gut, dass es Menschen wie Trutz Hardo gibt, die einem helfen sich zu erinnern. Er macht Rückführungen in vorherige Existenzen und Polylux war natürlich dabei." Ist solch plapperndes Geschwätz öffentlich-rechtliche Aufklärung? Jede kritische Psychologin, jeder Psychologe, die/der sich mit den Opfern von Sekten und esoterischen »Therapien« wie der »Rückführung« befasst, kennt die Schäden, die eine derartige Manipulation bei psychisch kranken Menschen anrichten kann. Der distanzlose und vollständig satirefreie Beitrag von Polylux führte dem Scharlatan Hardo neue Opfer und zahlende Klienten zu.

Das ist noch nicht das Schlimmste. Autorin und Redaktion verschleierten, wer Trutz Hardo ist, der eigentlich Tom Hockemeyer heißt: ein verurteilter Antisemit! Eine banale Google-Suche, die jeder journalistische Amateur aufrufen kann, hätte binnen Sekunden erste Anhaltspunkte für folgende Fakten ergeben:
Der "Rückführungsexperte" von Polylux, Trutz Hardo, nennt die Shoa, die Ermordung von Millionen europäischer Juden, die Erfüllung eines ´notwendigen Karma´. Der qualvolle Tod in den Gaskammern ist für ihn der Juden vorbestimmtes Schicksal, mit dem sie vermeintliche Verbrechen aus früheren Leben bezahlen. Nicht Hitler und das NS-Regime haben jüdische Menschen in den Tod gezwungen, sondern die Juden haben es sich ausgesucht, ´denn nichts geschah gegen ihren Wunsch und freien Willen´."

Hardo nannte eines seiner Bücher "Jedem das Seine", die Inschrift des Lagertors von Buchenwald. "Jedem das Seine" – also den Juden das ihre. 1998 verurteilte das Amtsgericht Neuwied Hardo. Das (in der Berufung im Mai 2000 vom Landgericht Koblenz bestätigte) Urteil lautete:
"Der Angeklagte wird wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Beleidigung und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener kostenpflichtig zu einer Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je 40,- DM verurteilt. Die allgemeine Einziehung der Druckschrift ´Jedem das Seine´ (...) wird angeordnet." (Aktenzeichen 2101 Js 54963/96 - 12 Ls).

Das Gericht fasste zusammen:
"Der Angeklagte macht im Ergebnis die Opfer des Holocaust zu Tätern (eines früheren Lebens) und verharmlost auf diese Weise die grausame Vergasung von Millionen jüdischer Mitbürger unter der Herrschaft des Nationalsozialismus (...) Wenn man, was unserer Rechtsordnung entspricht, den Menschen als selbstverantwortliches Individuum ansieht, muss man daraus den Schluß ziehen, dass die Juden nach der Erklärung des Angeklagten ´selbst schuld´ sind (...) [Hardo] beschreibt in seinem Buch das Gesetz des Karmas (...) Es handele sich (dabei) um ein ausnahmslos wirkendes Gesetz des schikksalhaften Ausgleichs".

Hardo:
"Warum mussten so viele Menschen überhaupt vergast werden? Die meisten, die vergast wurden, musste durch diesen Gewalttod noch nicht ausgeglichenes Karma abtragen. Die hatten früher andere Menschen getötet oder zugestimmt, dass andere Erdenbewohner, meist Juden und Minderheiten, mit ihren Kindern dem (...) Mob einer blutrünstigen Menge zum Opfer fielen (...) Dann ist jenes europäische Schicksal unter dem Namen ´Auschwitz´ im Grunde genommen ein welthistorisches Ausgleichen vorvergangener Vergehen? (…) Hat Hitler eine nur wenig entwickelte Seele, da er solch grauenvolle Urteile aussprechen kann? (…) Im Vergleich zur unendlichen Liebe Gottes sind wir alle noch weit unterentwickelt. Wo oder wie Du Hitler nach seiner seelischen Reife einzustufen vermagst, soll Dir selbst überlassen bleiben. Doch bedenke, nicht er hat den Juden das Schicksal der Gaskammern zuerteilt, sondern jene haben es sich selbst ausgesucht, denn nichts geschah gegen ihren Wunsch und ihren Willen. Hitler ist nur der Vollstrecker ihres Willens!" (zit. nach der Urteilsbegründung des Amtsgerichts Neuwied)

Über eine fiktive Jüdin schreibt Hardo beispielsweise:
"Sie hatte vor einigen hundert Jahren Juden, die aus Unrecht am Pranger standen, bespuckt, bespöttelt und auch gesteinigt. Somit erreicht sie nun den verschärften Beginn der für sie gerechten und ausgleichenden Gerechtigkeit (...) Alles was den Menschen geschieht, geht auf eine höhere Ordnung zurück. Aber selbst das bitterste Leid dient immer nur zu der allen Menschen notwendigen seelischen Aufbesserung und Reifung."
Wenn jüdische Menschen an ihrer Vernichtung durch nichtjüdische Deutsche selbst schuld waren, – weil nämlich sie selbst in "früheren Leben" andere Juden ermordet haben, werden die Massenmörder entlastet. Aber Hardo legt noch eins drauf: Hitler ist das "Orakel Deutschlands", Himmler ein Werkzeug der Vorsehung. Der NS-Faschismus nur ein unvermeidbares Naturgesetz. Es gibt keine menschengemachte Geschichte, keine Verantwortung, nur selbst verschuldetes Schicksal – das der Opfer. Rechtsextreme lobten Trutz Hardos Buch als den "mutigsten Roman unseres Jahrhundert".
Hardos Verteidiger im Prozess war der Koblenzer Rechtsanwalt Johannsen, der bekannt dafür ist, Neonazis zu vertreten. Als (nicht aufgerufenen) Zeugen hatte Hardo z.B. Jochen Kirchhoff benannt, der in einem seiner Bücher schreibt: Der Nationalsozialismus musste scheitern, weil der Materialismus damals zu stark gewesen sei. Die "spirituellen Tiefenkräfte" des Nationalsozialismus müssten heute hervorgeholt und umgepolt werden, um diesen Weltheilungsversuch fortzusetzen.

In seinem Beitrag "Der Judenkomplex der Deutschen" schrieb Trutz Hardo:
"Ich wage kaum, in Deutschland mit einem Sachbuch hervorzutreten, in dem über jene vielen Fälle berichtet würde, in welchen die im vorausgegangenen Leben umgekommenen Juden heute wegen ihrer Symptome (z.B. Asthma, Klaustrophobie, Adipositas) zum Reinkarnationstherapeuten kommen und nach ihrem damaligen Tod im Jenseits erfahren, weshalb alles geschehen mußte. (Übrigens sind viele der damals im Holocaust Umgekommenen heute wieder in Deutschland inkarniert!)".
Sie "mußten" sterben, aber – so Hardo – die meisten ermordeten Kinder, Frauen und Männer leben heute wieder – inkarniert, "rückgeführt" à la Polylux. Was für eine grausame Verletzung der überlebenden Freunde und Verwandten. Zum Prozeß gegen Hardo kam es, nachdem ein linkes Bündnis Rhein-Main im November 1996 in Darmstadt gegen einen Auftritt Trutz Hardos demonstriert hatte. Auch die Unterzeichnerin klärte damals als Rednerin und Autorin über Trutz Hardo auf. Durch die Demonstration wurde der hessische Landesverband der jüdischen Gemeinden auf Hardo aufmerksam und erstattete Anzeige. So kam es zum Neuwieder Urteil. Seitdem war – nach jahrelanger, ehrenamtlicher Aufklärungsarbeit – Trutz Hardos öffentlicher Einfluss endlich gemindert.

– Bis zum Beitrag von Polylux.
Der Polylux-Beitrag der ARD ist ein Schlag ins Gesicht. Hirnlos, kenntnisfrei, leichtfertig und verantwortungslos hat Polylux dem aggressiven Antisemiten Hardo, der die jüdischen Toten verhöhnt, eine neue Bühne gebaut, die Scheinwerfer auf ihn gerichtet und ihm neue Kreise erschlossen.

Ich habe selbstverständlich versucht, die Auseinandersetzung mit der Redaktion von Polylux direkt zu führen und Frau von Hardenberg und ihrer Redaktion die zentralen Argumente vorgetragen.
Noch in der Nacht, gleich nach der Sendung (9.12.2005, 0.19 Uhr) habe ich erste Informationen an die Redaktion geschickt, Stunden später eine reguläre Stellungnahme.
Es war vollkommen sinnlos. Ich dokumentiere Ihnen Tita von Hardenbergs vollständige Antwort vom gleichen Tag. Sie belegt, dass Frau von Hardenberg nicht einmal begreift, – oder begreifen will –, worum es geht:
"Sehr geehrte Frau Dittfurt, zunächst mal freue ich mich, Sie als Zuschauerin zu haben und hoffe, dass das trotz Trutz auch weiterhin der Fall sein wird. Ein Missverständnis möchte ich unbedingt ausräumen: wir stehen dem Herrn genauso kritisch gegenüber, wie Sie. Natürlich ging es mit dem Beitrag nicht darum, einen Antisemiten salonfähig zu machen. Worüber sich in der Tat streiten lässt, ist die Art, wie man sich solchen Zeitgenossen nähert. Schweigt man ihn tot und lässt ihn in Ruhe weiter vor sich hin wursteln? Macht man ein empörtes Anklagestück über Hardo und seine Sessions ? (Das wäre wohl zu viel der Ehre). Oder führt man ihn vor und damit ad acta, in dem man die Absurdität seines Tuns wirken läßt, ? Letzteres ist die polyluxtypische Methode, Kritik zu üben. Ich persönlich glaube, dass man Leuten wie Trutz Hardo am wirkungsvollsten beikommt, indem man sie dahin steckt, wo sie hin gehören: in die Spinnerecke.
Mit freundlichen Grüßen
Tita von Hardenberg"
Keine Erklärung, warum für einen Antisemiten geworben wurde. Keine Entschuldigung. Kein Begreifen. Stattdessen eine Antwort auf flachstem Niveau. Frau von Hardenberg ist offensichtlich der Meinung, dass man Antisemiten aus ihrer »Ruhe« an die Öffentlichkeit holen soll ohne »anklägerisch« zu verraten, dass es sich um Antisemiten handelt und dass man nicht den Fehler machen darf, ihnen durch Kritik »Ehre« anzutun, weil wir ja aus der Geschichte gelernt haben, dass sich der Antisemitismus am besten selbst entlarvt und Kritik so uncool ist wie kritisches Denken. Außerdem handelt es sich bei deutschen Judenhassern in Wirklichkeit nur um harmlose »Spinner«, die – wie wir alle wissen –, niemals Schaden anrichten.

Nachdem es aber offensichtlich noch mehr Kritik gegeben hat, reagierte die Polylux- Redaktion drei Tage nach der Sendung am 12.12. mit einer laschen Ausrede:
"(…) um den Beitrag ‘Speed-Rückführung für Eilige’ ist es offenbar zu Missverständnissen gekommen. Wir glauben, eine vermeintliche Rückführung in ein früheres Leben als Reptil (und die dabei aufkeimende Freude über die Echsenkinder, die man einst hatte), ist ein erheiternder Beleg für die Fragwürdigkeit von Trutz Hardos Machenschaften. Wir sehen darin keine Werbung für die von ihm praktizierten ‘Rückführungen’. An den Reaktionen im Forum merken wir, dass dies nicht bei allen Zuschauern so angekommen ist. Darum distanzieren wir uns an dieser Stelle klar von den verwerflichen Anschauungen Trutz Hardos. Wir wollten ihm weder eine Bühne dafür bieten, noch unsere Zuschauer dazu animieren, sich auf die sinnlose Suche nach früheren Identitäten zu begeben. Viele Grüße Volker Heimann CvD Polylux TV Magazin"(http://www.rbb-online.de/_/polylux/forum)

Nicht ein einziges Wort über Trutz Hardos Antisemitismus. Was sind die "verwerflichen Anschauungen" – der bis heute unerwähnte Vorwurfs Hardos an die ermordeten Juden, dass sie selbst schuld an ihren Qualen waren?

Zu Recht reagierten Zuschauer kritisch: "(…) gut, dass Sie sich dazu entschlossen haben, sich von diesem misslungenen Beitrag zu distanzieren. Ein wenig zu niedlich ist Ihre Distanz dennoch. Natürlich hat sich niemand daran gestossen, dass ein Mann glaubt eine Echse zu sein. Auch nicht daran, dass eine Frau an sich herunterschaut und große Füsse vorfindet. Aufregen tun sich ihre Zuschauer über folgende Sätze ihrer Off-Moderatorin (!): ‘Wird eine Frau vergewaltigt, hat sie als Mann dereinst selbst vergewaltigt’. Sie wissen vielleicht, dass ihre nette Kollegin diese Meinung nicht teilt. Handwerklich ist der Beitrag aber so schlecht gemacht, dass bei aller Anstrengung keine Satire zu erkennen ist..

Und ein anderer Diskutant meint:
"Dass sie die antisemitischen Ausfälle (bewußt?) des Herrn Hardo ausgespart hatten, deutet auch nicht unbedingt auf eine grundsätzlich kritische Haltung, sondern eine Verharmlosung, hin."

Handelte es sich bei dem Polylux-Beitrag um Satire, dann begänne hier eine Diskussion über die Grenzen der Satire. Aber darum geht es nicht, denn Satire ist (wenn sie gelingt: hohe) Kunst.

Aber nichts am Polylux-Beitrag ist Satire, nichts ist Kunst. Nichts Aufklärung. Kein Schatten von kritischer Anstrengung.
Offen ist, warum die Redaktion Hardos Antisemitismus und seinen entsetzlichen Vorwurf an die jüdischen Opfer des NS-Faschismus verschwiegen hat und nach wie vor verschweigt (siehe die Antworten von Tita von Hardenberg und Volker Heimann).

  • Wurde überhaupt recherchiert?
  • Falls ja: Wurden die gefundenen Fakten absichtlich verschwiegen?

Auch das zu klären ist jetzt Sache des Senders.

Ich erwarte eine Stellungnahme des Rundfunkrates spätestens auf seiner nächsten Sitzung.

Mit freundlichen Grüßen
Jutta Ditfurth



Quelle: ÖkoLinX-ARL