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Mittwoch, November 23, 2005

Kleine Anleitung für Journalisten: Über den Nahostkonflikt schreiben

Sie sind Journalist, sie sollen möglichst schnell hochaktuelle und gute Artikel zum Nahostkonflikt schreiben? Kein Problem, der nachfolgende Miniratgeber hilft Ihnen dabei, einen Artikel für eine deutsche Tageszeitung zu formulieren den Ihre Leser mögen werden. Die Beispiele beruhen auf Formulierungen die schon gang und gäbe sind, bzw. sowieso schon überall verwendet werden. Sie fallen also nicht unagenehm auf. Sie passen einfach die eingehende Ticker-Meldung an und schon ist Ihr Artikel fertig:

Israel führt eine Militäroperation durch? Stellen Sie Zusammenhänge her, aber bitte möglichst einfach:
Schreiben Sie einfach "Israel übt Vergeltung für XY". Das machen alle so, auch wenn es falsch ist.
Hier einige Praxisbeispiele:
Reuters meldet, wie am 28.11.2002:
»Prime Minister Ariel Sharon vowed Israel would hunt down those responsible … Our long arm will catch the attackers and those who dispatch them.«
Daraus machen Sie eine schöne und prägnante Überschrift und spitzen den Text ein wenig zu, aber halt, damals hat Reuters in Deutschland das schon für Sie getan. Übernehmen Sie einfach die einfach die falsch übersetzte Phrase "hunt down"::
Scharon kündigt Vergeltung an
Israel wird jene zur Strecke bringen, die das Blut unserer Bürger vergossen haben.
Oder hier:
tagesschau - Israel übt Vergeltung Wenige Stunden nach dem Selbstmordattentat auf einen Linienbus in der nordisraelischen Stadt Haifa sind bei einer israelischen Militäraktion im
Flüchtlingslager Dschabalija im Gazastreifen mindestens elf Palästinenser. getötet worden und zahlreiche Menschen verletzt worden.
Wenn Sie es differenzierter darstellen, wird der Text, auch für Sie, zu kompliziert. Sehen Sie folgende differenziertere Meldung zum gleichen Vorgang:
n-tv - Tote und Verletzte - Militäraktion im Gazastreifen -
http://www.n-tv.de/3105241.html
Nach Angaben des n-tv Korrespondenten Ulrich Sahm hatten die
Israelis die Militäraktion bereits am Mittwochmorgen - also vor dem
Selbstmordanschlag in der Hafenstadt Haifa - beschlossen. Bei dem Anschlag
auf einen vollbesetzten Linienbus hatte ein Attentäter mindestens 15
Menschen mit in den Tod gerissen; 55 Personen wurden verletzt. Als Täter
ermittelte die Polizei einen 20-Jährigen aus Hebron im Westjordanland.
Sehen Sie? Zu differenziert... Weitere Beispiele, dass Ihre Kollegen das auch tun: taz (29.10.2005), Die Tagespost, Die Welt, DER SPIEGEL, Der Tagesspiegel, heute-Nachrichten...

Wenn Sie einen Kommentar zu diesem Thema verfassen sollen, auch kein Problem, sorgen Sie dafür, dass die "Auge um Auge, Zahn um Zahn" Thematik auf alle Fälle vorkommt. Es wird sich schon niemand beschweren, bei der geringen Zahl an Juden in Deutschland wird es keinen entrüsteten Protest geben, weil es eine alte antisemitische Fehlinterpretation ist. Wichtig ist, was der Leser denkt und der kennt das Muster, damit kann er etwas anfangen - das ist eine gute Tradition seit Luther, der diese Assoziation erfunden hat und die später kultiviert wurde.

Vewenden Sie knackige Adjektiveoder Eingeschaften um die Protagonisten gleich für Ihre Leser in das richtige Licht zu rücken. Die häufigsten, die von Ihren Kollegen verwendet werden sind:
Hardliner Scharon (Beispiele: DIE ZEIT,orf, Freitag, DER SPIEGEL), Bulldozer Scharon (Beispiele: Deutsche Welle, DIE PRESSE).

Halten Sie sich nicht lange damit auf, darzustellen, wann die sogenannte Zweite Intifada tatsächlich begonnen hat. Das ist ebenfalls zu kompliziert. Behaupten Sie einfach (wie alle es tun, mittlerweile hinterfragen Ihre Leser das garantiert nicht mehr), Scharon hätte sie durch seinen Besuch auf dem Tempelberg ausgelöst (28. September 2000, Scharon war damals noch Kopf der Opposition). Griffige Formulierungen dazu wären: "...Seit Scharons Besuch auf dem Tempelberg..." oder "... seit der Provokation Scharons auf dem Tempelberg". Ihre Kollegen verwenden das fleissigst: DIE ZEIT, Deutsche Welle, DER SPIEGEL, DIE PRESSE, Financial Times Deutschland, N24. OK, Sie wissen vielleicht, dass diese Beahuptung einfach falsch ist und das der Besuch mit den palästinensischen Behörden abgesprochen war (mit Zustimmung des palästinensischen Sicherheitschefs Dschibril Radschoub und des palästinensischen Jerusalem-Ministers Faisal Husseini.) und es schon am 27. September Angriffe auf israelische Soldaten gab, und sind vielleicht darüber im Bilde, dass der Abzug aus dem Libanon dafür verantwortlich ist, denn man nahm an, Israel sei dort besiegt worden. Aber wollen Sie das alles in einen großen Zusammenhang bringen?

Schreiben Sie bei der Nennung palästinensischer Ortsnamen so oft es geht, "Flüchtlingslager" oder "Camp" davor, auch hier müssen Sie die Sympathien klar verteilen (STERN, Junge Welt, Financial Times Deutschland). Nun gut, es handelt sich schon lange nicht mehr um Zeltstädte, sondern um richtige Städte, aber wer von Ihren Lesern kann das schon prüfen? Ähnliches gilt bei Orten in denen Israelis leben, bei kleinen Orten können sie getrost "Siedlungen" schreiben, auch wenn es sich um kleinere Ortschaften oder Kibbuzim innerhalb der Grenzen des Staates Israel handelt.
Machen Sie sich ruhig die Mühe und schreiben Sie die genauen Daten zu den getöteten Opfern nieder, nennen Sie vollen Namen und Alter (das können Sie sonst bei keinem anderen Konflikt auf der Welt, nutzen Sie also die Gelegenheit). Das beste ist, von den getöteten Palästinensern sind Fernsehbilder und Fotografien leicht zu erhalten. Die israelische Seite verhindert meist aus Pietätsgründen das Abfilmen von Leichen im Kühlhaus, auf der Straße, im Krankenhaus oder der Beerdigung. Auf der anderen Seite können Sie sich dafür um so mehr bedienen. Bauen Sie Bilder ein von weinenden Frauen auf Beerdigungen, Kadaver in Kühlhäusern etc. das macht Ihre Berichterstattung plastischer. Sollten Sie die Toten zählen wollen, um etwa einen freundlich gestalteten Infokasten für ein Printmedium zu gestalten, vergessen Sie nicht wie gezählt wird! Als palästinensischer Opfer zählen auch Menschen die sich selber durch Leichtfertigen Umgang mit Sprengstoffen (sogenannte "Bombenbauer") in die Luf gesprengt haben oder sich als Selbstmordattentäter bewußt selber getötet haben. Werden Palästinenser getötet, vermeiden Sie langweilige Wiederholungen und variieren ein wenig herum. Schreiben Sie auch mal "liquidiert", "umgebracht" oder "hingerichtet".
Viele Nachahmer fand die Formulierung vom "Massaker" in Dschenin (wobei 51 Tote Palästnenser waren 90% von ihnen bewaffnete Kämpfer und 21 Tote israelische Soldaten, die im Kampf mit den bewaffneten Palästinensern ums Leben kamen),

Damit wären Sie gut ausgestattet für Ihre Artikel über den Nahostkonflikt, aber machen Sie sich keine Sorgen, viele Nachrichtenagenturen bauen einige dieser Hilfen als Service schon für Sie ein...

2 Kommentare:

Anonymous Anonym meint...

Na, da hättest Du ja fast das beliebteste Stilmittel vergessen: die Nahostexperten, die ihr wertfreies, objektives, zuverlässiges Urteil abgeben. Daß die oft arabische Namen tragen? Aber aber, wer wollte denn xenophob sein.

Lila

3:34 nachm.  
Blogger Chajm meint...

Ah ja! Guter Zusatz und Hinweis! Die Hinzunahme unabhängiger Experten habe ich ganz vergessen...

Danke für den Hinweis :-)

9:27 vorm.  

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