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Montag, August 22, 2005

Und jetzt?

Die Synagogengemeinde Köln hatte eigens für den Papstbesuch die Synagoge renovieren lassen (und Spötter fragen, warum man das nicht habe für die eigenen Gemeindemitglieder habe machen lassen) und eigene Kippot fertigen lassen (vgl. Blogeintrag) - was an sich schon fragwürdig ist.
Dann war der Papst auch tatsächlich da. Die anklagenden Diskussionen (angeregt durch den Zentralratsvorsitzenden Paul Spiegel) offenbar vergessen und ein versöhnlicher Kurs regierte den Tag. Die zwei Hauptfiguren des Besuchs waren dann auch Rabbiner Teitelbaum und Papst Benedikt XVI. In der Zusammenfassung sah ich nur die Rede von Teitelbaum und Ratzinger, die beide ausgezeichnet waren. Für den Überblick hier nochmal die Rede Ratzingers:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Brüder und Schwestern
Schalom lechem! Es war mir ein tiefes Anliegen, anlässlich meines ersten Besuches in Deutschland nach der Wahl zum Nachfolger Petri der Jüdischen Gemeinde von Köln und den Vertretern des deutschen Judentums zu begegnen. Mit diesem Besuch möchte ich an das Ereignis des 17. Novembers 1980 anknüpfen, als mein verehrter Vorgänger, Papst Johannes Paul II., auf seiner ersten Deutschland-Reise in Mainz dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Rabbinerkonferenz begegnete.
Auch bei dieser Gelegenheit möchte ich versichern, dass ich beabsichtige, den Weg zur Verbesserung der Beziehungen und der Freundschaft mit dem jüdischen Volk, auf dem Papst Johannes Paul II. entscheidende Schritte getan hat, weiterzuführen.
Die jüdische Gemeinde von Köln darf sich in dieser Stadt wirklich „zu Hause“ fühlen. Tatsächlich ist dies der älteste Sitz einer jüdischen Gemeinde auf deutschem Boden: Sie reicht zurück bis in das Köln der Römerzeit. Die Geschichte der Beziehungen zwischen jüdischer und christlicher Gemeinde ist komplex und oft schmerzlich. Es gab Perioden guter Nachbarschaft, doch es gab auch die Vertreibung der Juden aus Köln im Jahr 1424.
Im 20. Jahrhundert hat dann in der dunkelsten Zeit deutscher und europäischer Geschichte eine wahnwitzige neuheidnische Rassenideologie zu dem staatlich geplanten und systematisch ins Werk gesetzten Versuch der Auslöschung des europäischen Judentums geführt, zu dem, was als die Schoah in die Geschichte eingegangen ist. Diesem unerhörten und bis dahin auch unvorstellbaren Verbrechen sind allein in Köln 7.000 namentlich bekannte – in Wirklichkeit sicher erheblich mehr – Juden zum Opfer gefallen. Weil man die Heiligkeit G-ttes nicht mehr anerkannte, wurde auch die Heiligkeit menschlichen Lebens mit Füßen getreten.
In diesem Jahr gedenken wir des 60. Jahrestags der Befreiung aus den national-sozialistischen Konzentrationslagern, in deren Gaskammern Millionen von Juden – Männer, Frauen und Kinder –umgebracht und in den Krematorien verbrannt worden sind. Ich mache mir zu eigen, was mein verehrter Vorgänger zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz geschrieben hat und sage ebenfalls: „Ich neige mein Haupt vor all denen, die diese Manifestation des mysterium iniquitatis erfahren haben.“
Die fürchterlichen Geschehnisse von damals müssen „unablässig die Gewissen wecken, Konflikte beenden und zum Frieden ermahnen“. Gemeinsam müssen wir uns auf G-tt und seinen weisen Plan für die von ihm erschaffene Welt besinnen: Er ist – wie das Buch der Weisheit mahnt – „ein Freund des Lebens“.
Ebenfalls in diesem Jahr sind es vierzig Jahre her, dass das Zweite Vatikanische Konzil die Erklärung Nostra aetate promulgiert und damit neue Perspektiven in den jüdisch-christlichen Beziehungen eröffnet hat, die durch Dialog und Partnerschaft gekennzeichnet sind. Im vierten Kapitel erinnert diese Erklärung an unsere gemeinsamen Wurzeln und an das äußerst reiche geistliche Erbe, das Juden und Christen miteinander teilen. Sowohl die Juden als auch die Christen erkennen in Abraham ihren Vater im Glauben und berufen sich auf die Lehren Moses und der Propheten.
Die Spiritualität der Juden wird wie die der Christen aus den Psalmen gespeist. Mit dem Apostel Paulus sind die Christen überzeugt, dass "Gnade und Berufung, die G-tt gewährt, unwiderruflich sind". In Anbetracht der jüdischen Wurzeln des Christentums hat mein verehrter Vorgänger in Bestätigung eines Urteils der deutschen Bischöfe gesagt: "Wer Jesus Christus begegnet, begegnet dem Judentum".
Deshalb beklagt die Konzilserklärung Nostra aetate "alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemand gegen das Judentum gerichtet haben". G-tt hat uns alle "als sein Abbild" geschaffen und uns dadurch mit einer transzendenten Würde ausgezeichnet. Vor G-tt besitzen alle Menschen die gleiche Würde, unabhängig davon, welchem Volk, welcher Kultur oder Religion sie angehören.
Aus diesem Grund spricht die Erklärung Nostra aetate auch mit großer Hochachtung von den Muslimen und den Angehörigen anderer Religionen. Aufgrund der allen gemeinsamen Menschenwürde "verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen" als einen Akt, der im Widerspruch zu dem Willen Christi steht.
Die Kirche weiß sich verpflichtet, diese Lehre in der Katechese und in jedem Aspekt ihres Lebens an die nachwachsenden Generationen, die selbst nicht mehr Zeugen der schrecklichen Ereignisse vor und während des Zweiten Weltkriegs waren, weiterzugeben. Das ist insofern eine Aufgabe von besonderer Bedeutung, als heute leider erneut Zeichen des Antisemitismus und Formen allgemeiner Fremdenfeindlichkeit auftauchen. Sie sind Grund zur Sorge und zur Wachsamkeit. Die katholische Kirche – das möchte ich auch bei dieser Gelegenheit wieder betonen – tritt ein für Toleranz, Respekt, Freundschaft und Frieden unter allen Völkern, Kulturen und Religionen.
In den vierzig Jahren seit der Erklärung Nostra aetate ist in Deutschland und auf internationaler Ebene vieles zur Verbesserung und Vertiefung des Verhältnisses zwischen Juden und Christen getan worden. Neben den offiziellen Beziehungen sind besonders dank der Zusammenarbeit unter den Bibelwissenschaftlern viele Freundschaften entstanden. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die verschiedenen Erklärungen der Deutschen Bischofskonferenz und an die segensreiche Tätigkeit der „Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, die dazu beigetragen hat, dass sich die jüdische Gemeinde seit 1945 hier in Köln wieder „zu Hause“ fühlen kann und zu einem guten nachbarschaftlichen Zusammenleben mit den christlichen Gemeinden gefunden hat.
Vieles bleibt freilich noch zu tun. Wir müssen uns noch viel mehr und viel besser gegenseitig kennenlernen. Deshalb ermutige ich zu einem aufrichtigen und vertrauensvollen Dialog zwischen Juden und Christen. Nur so wird es möglich sein, zu einer beiderseits akzeptierten Interpretation noch strittiger historischer Fragen zu gelangen und vor allem Fortschritte in der theologischen Einschätzung der Beziehung zwischen Judentum und Christentum zu machen. In diesem Dialog kann es ehrlicherweise nicht darum gehen, die bestehenden Unterschiede zu übergehen oder zu verharmlosen: Auch und gerade in dem, was uns aufgrund unserer tiefsten Glaubensüberzeugung voneinander unterscheidet, müssen wir uns gegenseitig respektieren und lieben.
Schließlich sollte unser Blick nicht nur zurück in die Geschichte gehen, er sollte ebenso vorwärts auf die heutigen und morgigen Aufgaben gerichtet sein. Unser reiches gemeinsames Erbe und unsere an wachsendem Vertrauen orientierten geschwisterlichen Beziehungen verpflichten uns, gemeinsam ein noch einhelligeres Zeugnis zu geben und praktisch zusammenzuarbeiten in der Verteidigung und Förderung der Menschenrechte und der Heiligkeit des menschlichen Lebens, für die Werte der Familie, für soziale Gerechtigkeit und für den Frieden in der Welt.
Der Dekalog ist für uns gemeinsames Erbe und gemeinsame Verpflichtung. Die „Zehn Gebote“ sind nicht Last, sondern Wegweiser zu einem geglückten Leben. Sie sind es besonders für die Jugendlichen, die ich in diesen Tagen treffe und die mir so sehr am Herzen liegen. Ich wünsche mir, dass sie den Dekalog als die Leuchte für ihre Schritte und als Licht für ihre Pfade erkennen.
Die Erwachsenen tragen die Verantwortung, den jungen Menschen die Fackel der Hoffnung weiterzureichen, die Juden wie Christen von G-tt geschenkt worden ist, damit die Mächte des Bösen „nie wieder“ die Herrschaft erlangen und die künftigen Generationen mit G-ttes Hilfe eine gerechtere und friedvollere Welt errichten können, in der alle Menschen das gleiche Bürgerrecht besitzen.
Ich schließe mit den Worten aus Psalm 29, die ein Glückwunsch und zugleich ein Gebet sind: „Der Herr gebe Kraft seinem Volk. Der Herr segne sein Volk mit Frieden.“ Möge er uns erhören.

Die Rede von Rabbiner Teitelbaum:

Kwod Harabanim,
Hochverehrter Papst Benedikt,
sehr geehrte Festgäste,

soeben haben wir hier in der Synagoge den Psalm 23 gelesen und gehört. Er hat eine große Bedeutung im Glauben eines jeden Menschen. Dieser Psalm gibt dem Menschen in allen schweren Zeiten Kraft. Er hat uns, dem jüdischen Volk, seit dem Auszug aus Ägypten bis zur Shoa und auch in der Zeit danach die Kraft zum Überleben gegeben. Und diese Kraft, das ist der Glauben des jüdischen Volkes, der Glauben eines jeden Einzelnen, der Glaube an den Ewigen, Hakadosch Baruch Hu, so wie es in dem Psalm 23 heißt: "fürcht’ ich kein Leid, denn Du bist mit mir".

Das Volk Israel als Volk, als Gruppe, und auch jeder Einzelne hatte immer wieder schwere Zeiten zu bestehen. Gerade fünf Tage ist es her, dass wir den Trauertag Tischa Be Aw begangen haben. Einen Tag, der uns an viel Unglück in der jüdischen Geschichte erinnert. Es ist der Tag der Zerstörung des ersten und auch des zweiten Tempels in Jerusalem und zudem der Tag der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Das jüdische Volk hat niemals aufgehört zu glauben, auch dann, wenn es allein gelassen worden ist. Und aus diesem Glauben schöpfen wir zu jeder Zeit Kraft, auch in den Zeiten, in denen das jüdische Volk verfolgt worden ist.

Ihr Besuch heute, hochverehrter Papst Benedikt, ist ein Zeichen hin zur Öffnung des Friedens in der ganzen Welt und ein Schritt auf dem Weg zum geistigen Aufbau des dritten Tempels in Jerusalem, der nur gebaut werden kann, wenn es Frieden unter allen Völkern gibt. Ihr Besuch heute ist ein Schritt zum Frieden zwischen den Völkern der Welt. Ihr Besuch ist auch ein aktives Zeichen gegen den früheren christlichen Antisemitismus. Ihr Besuch hat darin größte Symbolkraft. Er zeigt allen, dass und wo Sie die katholische Kirche im Verhältnis zu den Juden in aller Welt sehen.

Lassen Sie mich aus dem Allgemeinen zur Einzelperson kommen: Ihr Besuch hat größte Bedeutung für Frau Lehrer. Fela Lehrer ist die Mutter von Abraham Lehrer, der eben die Begrüßung vorgenommen hat. Sie sitzt hier heute in der Synagoge. Auf ihrem Unterarm kann man die Nummer lesen, die ihr im KZ eintätowiert wurde. 1944 in Auschwitz hatte sie weder die Kraft noch die Vorstellung, dass eines Tages in 2005 ihr Sohn den Papst offiziell in der Synagoge zu Köln begrüßen würde. Außer Ihr sitzen hier noch manche andere, die diese Zeit überlebt haben.

Von wo haben wir diese Kraft erhalten – die Kraft zu glauben, die Kraft zum Überleben? Diese Kraft können wir in den Texten finden, die wir heute hier gemeinsam gelesen haben. Denn es heißt im Kapitel 1 im ersten Buch Moses "Und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn...." Der Mensch ist ein Teil Gottes. Und der Mensch trägt einen Teil von Gott in sich. Und dieser Teil, den der Mensch von Gott in sich trägt, das ist die Seele. Die Seele unterscheidet den Menschen von den anderen Lebewesen, die sich auf dieser Welt befinden. Die Seele gibt dem Menschen die Möglichkeit nachzudenken, bevor er eine bestimmte Tat vollbringt.

Es liegt in den Händen des Menschen, Gutes zu tun und nicht zu zerstören, zu beleidigen oder zu vernichten. Der Ewige, Ha Kadosch Baruch Hu, hat dem Menschen eine, seine Seele gegeben. Der Mensch ist damit dafür geschaffen, Gutes zu tun. Und aus dieser Seele hat der Mensch die Kraft und die Aufgabe, Menschen zusammen zu bringen und nicht auseinander zu treiben. Das bedeutet praktisch, dass der Mensch Frieden haben und schaffen muss.

Im Judentum steht die Grundlage für den Frieden auf fünf Säulen: Die erste der fünf Säulen ist der Glaube an den Einzigen und Allmächtigen, Ha Kadosch Baruch Hu. Die Erinnerung an die Vergangenheit und darauf der Aufbau der Zukunft, das ist die zweite der fünf Säulen.

Als Napoleon in die Stadt Akko kam, es war der Abend des 9. Aw, Tischa Be’Aw, und als er sah, dass das Volk Israel weinte, da fragte Napoleon: "Aus welchem Grunde weinen die Juden?" Die Antwort, die man ihm gab, lautete: "Wir weinen über die Zerstörung des Tempels von Jerusalem." Da fragte Napoleon: "Wann ist das passiert?" Die Anwesenden antworteten ihm: "Es geschah vor etwa 2000 Jahren." Da sagte Napoleon: "Vor 2000 Jahren ist es geschehen und noch heute weint ihr. Wenn dies der Fall ist und wenn ein Volk sich noch heute so an seine Vergangenheit erinnert, dann ist das ein Volk, das auch Zukunft hat."

Die Dritte der fünf Säulen ist die Säule der guten Taten. Das Gebet ist die vierte Säule. Und heute, am Ende der Feierstunde, werden wir gemeinsam aus dem Gebet hören, das "Sim Schalom" heißt: "Gebt Frieden". Die Stimme des Schofar ist die fünfte der fünf Säulen. Der Klang des Schofar steht für Frieden. Dieser Klang symbolisiert auch die Freiheit, die Freiheit des Einzelnen, zu entscheiden.

Der wirkliche Frieden auf der Welt ist der Frieden, der keinen Terror kennt. Es ist der Frieden, der von allen Seiten gleichberechtigt angenommen wird. Und das ist der Grund, aus dem wir heute das Schofar haben erklingen lassen; denn Ihr Besuch heute ist ein Zeichen, ein Symbol für den Frieden, der auf der Welt herrschen muss. Ein Frieden ohne Terror.

Wenn wir diese fünf Säulen jetzt zusammenfassen, so bildet sich hieraus eine Hand. Und obwohl sie fünf Finger hat, ist sie doch eins. Sie ist eine Hand, die Hand des jüdischen Volkes. Und diese Hand gebe ich Ihnen als ein Symbol des Friedens des jüdischen Volkes für alle Völker auf dieser Welt.

Erlauben Sie mir abzuschließen mit dem letzten Satz aus dem Kaddisch-Gebet in Hebräisch und Deutsch: "Osseh schalom bimromaw hu ja’asseh schalom aleinu we al kol israel. We’imru Amen" – "Der Frieden stiftet in seinen Höhen, er stifte Frieden für uns und für ganz Israel, sprecht Amen."

(Foto: Copyright H. Sachs)